5 FRAGEN AN WIM WENDERS
von Peter Körte, FAZ
6 Juni 2010
- Am 11. Juni geht es endlich los. Was erwarten Sie von der WM, was von der deutschen Mannschaft?
WW: Was ich erhoffe, ist was anderes als was ich erwarte. Ich erwarte, daß fürchterlich viele Mannschaften den Mourinho-Fußball spielen lassen, weil sie (neidvoll und leidvoll) gesehen haben, wie weit man damit kommt. (Sogar die Brasilianer und die Argentinier sind von dem Bazillus angesteckt.) Ich erhoffe allerdings, daß ein paar andere lustvolleren Fußball gelten lassen und damit auch Erfolg haben. Wie Sie sehen, bin ich Anhänger des „romantischen Fußballs“, der nicht (nur) von Taktik geprägt ist, sondern (auch) von Leidenschaft und Improvisation.
Die deutsche Mannschaft hat im Prinzip die Spieler dafür, gerade im Mittelfeld: Özil, Schweinsteiger, Podolski, Marin, Kroos etc und dann gibt es jetzt vorne auch einen Cacau und den Kiessling! Wenn man sie alle nur nicht wieder zu sehr in taktische Korsetts packt! Lieber phantasievoll und glorreich gewinnen als verkrampft und verängstigt untergehen! Oder?
- Als Regisseur sind Ihnen Frage des Castings, der richtigen Besetzung, vertraut. Auch Filme sind Teamwork, für den Erfolg braucht es eine Mannschaft und eine gute Mischung. Wie geht man mit solchen Nöten um, wie sie Joachim Löw derzeit hat, ohne Ballack, mit vielen Baustellen im Team und mit wenig Vorbereitungszeit?
WW: Da hilft nur eins: aus der Not die Tugend zu machen! Das ist beim Filmemachen ganz genau so. Wenn man lamentiert, was man NICHT hat, kommt man nicht weit. Aus einem Mangel kann ganz schnell ein Vorteil werden, wenn man darin die Chance sieht, etwas Drittes zu erfinden, was es vorher nicht gab. MIT Ballack zu spielen, das ist eine Sache, die Löw kennt, und wir auch. Die deutsche Mannschaft hat mit Ballack gut gespielt, (aber auch schon grottenschlecht). OHNE Ballack in die WM zu gehen, macht uns unberechenbarer, und das sehe ich ausschließlich im positiven Sinn. Da werden Kräfte frei! Das darf man nicht als Manko sehen, sondern als Steilvorlage!
- Nationalteams erreichen ja selten das Maß an blindem Verständnis und Eingespieltheit wie große Clubteams. Ist die WM überhaupt ein Schauplatz für jogo bonito, für das schöne Spiel? Und was heißt das für Sie: schöner Fußball und hässlicher Fußball?
WW: Ich sehe das nicht so, mit den Nationalteams. Die Clubteams sind heute ja durch die Bank Söldnermannschaften. Inter hat das Finale gewonnen, und da hat EIN Italiener 2 Minuten am Schluß mitgespielt, ohne am Ball gewesen zu sein. Die Nationalmannschaften verkörpern da eher noch so eine schöne alte Idee, daß man zusammengehört, „alle aus einem Dorf“... Ich sehe darin eine viel größere Chance, „aus einem Guß“ zu spielen. Passen Sie auf: die afrikanischen Mannschaften werden uns da in Südafrika in jeder Hinsicht überraschen!
- Die WM ist auch ein Medienereignis. Durch die bis zu 30 Kameras im Stadion und durch die Weltregie, welche gewissermaßen ein Spiel live aus diesem Bilderangebot montiert und damit auch für Fernsehzuschauer in aller Welt inszeniert, entsteht für uns ein Bild des Spiels, das oft ziemlich anders aussieht als das Geschehen im Stadion. Wie erleben Sie das als Bildermacher und Regisseur? Und hat diese Inszenierung das Spiel selber verändert?
WW: Das hat sich dramatisch verändert, wie die Spiele mal aussahen, als alle Welt noch vor kleinen schwarz-weiß-Geräten saß, bis zu den hochauflösenden Großbildschirmen heute. Totalen gab es ja früher so gut wie nicht, da sah man immer nur Einzelaktionen und Großaufnahmen. Heute sieht man viel besser, wie die Mannschaften stehen und wie sie taktisch eingestellt sind. Das war früher ein Erlebnis, das man nur live im Stadion haben konnte. Und wenn Sie heute in ein großes Stadion gehen, gucken die Hälfte der Leute auf die Megabildschirme, weil sie zu weit weg sind von den Aktionen im gegenüberliegenden Strafraum...
Ich bin gespannt, wie gut sich die 3D-Technik für Fußballübertragungen eignen wird und wie das dann wieder unser Bild des Spiels verändern wird.
- Manche behaupten Weltmeisterschaften seien anachronistisch. Worin liegt dennoch der besondere Reiz von nationalen Vergleichen in einer globalisierten Fußballwelt?
WW: Gerade in der Sehnsucht danach, daß so einfache alte Begriffe noch unschuldig funktionieren möchten, wie „Nationalstolz“, oder wie der Sieg des „Kleinen“ gegen die „Großen“, des Underdogs gegen die Favoriten. Was hat die letzte WM nicht für ein lockeres „Nationalgefühl“ bei den Deutschen provoziert, die in der Hinsicht ja nun gar keine Begabung hatten! Ich denke im Gegenteil, daß solche Weltmeisterschaften oder auch die Olympischen Spiele in der Zukunft noch viel wichtiger werden, gerade als Ausgleich gegen die emotional so kalten globalen Realitäten.